Gesundheitskompetenz dank selbsthilfefreundlichen Spitälern: Vom Projekt zum von H+ anerkannten Modell

Im Februar 2025 hat der Spitalverband H+ das Modell Selbsthilfefreundlichkeit (SHF) als Qualitätsverbesserungsmassnahme (QVM) im Rahmen des Qualitätsvertrags gemäss KVG Art. 58a anerkannt. Diese Anerkennung ist ein bedeutender Erfolg, da sie Spitäler und Kliniken motiviert, die Selbsthilfe als festen Bestandteil der Patientenversorgung zu etablieren.

Im Zuge der Anerkennung durch H+ hat Selbsthilfe Schweiz das ursprüngliche Konzept im Jahr 2025 überarbeitet und weiterentwickelt. Die Umsetzung der Anpassungen stellte sowohl für uns als auch für die beteiligten Kooperationspartner – Spitäler und Kliniken – eine Herausforderung dar. Umso erfreulicher ist es, dass alle kooperierenden Institutionen signalisiert haben, das Modell SHF weiterhin umzusetzen.

Was ändert sich?

Vor allem die Rahmenbedingungen wurden angepasst. So hat Selbsthilfe Schweiz beispielsweise die Gültigkeit der Auszeichnung SHF von zwei auf vier Jahre verlängert. Zudem wurden Unterlagen und Arbeitsinstrumente vereinfacht, wodurch sich der administrative Aufwand für alle Beteiligten reduziert.

Neu müssen sich Spitäler und Gesundheitsinstitutionen, die das Modell SHF anwenden möchten, für eine Netzwerkpartnerschaft bei Selbsthilfe Schweiz anmelden. Diese Partnerschaft ist ab 2027 kostenpflichtig.

Neu kann das Modell SHF mit oder ohne Auszeichnung umgesetzt werden. Spitäler und Gesundheitsinstitutionen, die eine Auszeichnung möchten, erhalten alle vier Jahre ein Qualitätsberatungsgespräch vor Ort durch Selbsthilfe Schweiz. Institutionen, die keine Auszeichnung anstreben, werden alle vier Jahre auf Grundlage ihrer eingereichten Unterlagen überprüft.

Dank der Anerkennung des Modells SHF durch H+ können Spitäler, die das Modell erfolgreich umsetzen, dieses im Handlungsfeld Patientenzentriertheit als Qualitätsverbesserungsmassnahme (QVM) ausweisen.

Künftig können auch ambulante Gesundheitsinstitutionen das Modell SHF umsetzen. Erfahrungen aus der Projektphase sowie Rückmeldungen von Vertreter:innen der Selbsthilfegruppen zeigen, dass Patient:innen häufig erst nach der Hospitalisation – also während der Nachsorge – Interesse an Selbsthilfeangeboten entwickeln. Selbsthilfe BE plant deshalb, künftig auch Kooperationen mit ambulanten Gesundheitsorganisationen wie beispielsweise Ärztezentren oder Spitex-Organisationen aufzubauen.

Pia Wegmüller
Projektkoordination


Selbsthilfefreundlichkeit im Emmental und Oberaargau

Im Jahr 2025 durften in der Region Oberaargau-Emmental gleich zwei Spitäler die Auszeichnung «Selbsthilfefreundliches Spital» entgegennehmen.

Die Psychiatrie des Spitals Emmental beteiligt sich seit 2023 am Projekt «Gesundheitskompetenz durch selbsthilfefreundliche Spitäler» – in enger Zusammenarbeit mit Selbsthilfe BE und Vertreter:innen aus Selbsthilfegruppen. Gemeinsam wurden gezielte Massnahmen entwickelt und umgesetzt, um die Selbsthilfe im Klinikalltag sichtbarer zu machen, Patient:innen über bestehende Angebote zu informieren und die Zusammenarbeit zwischen Fachpersonen und Selbsthilfegruppen nachhaltig zu stärken.

Beispielsweise wurden verschiedene Personal- und Publikumsanlässe durchgeführt. Dabei haben Vertreter:innen aus Selbsthilfegruppen ihre Erfahrungen mit dem Publikum geteilt und aufgezeigt, welche Unterstützung die Selbsthilfegruppe in ihrer Situation, bei ihrer Erkrankung bietet. Gerade diese authentischen Berichte – etwa darüber, wie der Besuch einer Selbsthilfegruppe neue Perspektiven eröffnet – geben häufig den entscheidenden Impuls, den ersten Schritt in die Selbsthilfe zu wagen.

Aus dieser Zusammenarbeit mit der Psychiatrie des Spitals Emmental sind bereits Initiativen zur Gründung neuer Selbsthilfegruppen entstanden; weitere werden hoffentlich folgen.

Im Dezember 2025 erhielt das Spital Region Oberaargau SRO AG in Langenthal, als zweites Gesamtspital im Kanton Bern, die Auszeichnung «Selbsthilfefreundliches Spital». Eine der umgesetzten Massnahmen zur Erreichung der Qualitätskriterien ist die stärkere Sichtbarkeit der Selbsthilfe im Spitalalltag. Informationen zur Selbsthilfe liegen im Spital SRO in allen Wartezimmern auf und sind fester Bestandteil der Austrittsplanung mit den Patient:innen.  Am Tag der Selbsthilfe fand zudem eine Standaktion zum Thema Selbsthilfe im Foyer des Spitals statt. Viele Interessierte haben sich am Stand über die gemeinschaftliche Selbsthilfe und die Gruppenangebote informiert.

Diese enge Zusammenarbeit zeigte auch konkrete Wirkung: Im Jahr 2025 konnten in der Region Oberaargau sieben neue Selbsthilfegruppen gegründet werden (Krebserkrankungen, Long Covid Angehörige, Long Covid Betroffene, Burnout, Bipolare Erkrankung, Narzissmus Angehörige sowie AD(H)S). Für das Jahr 2026 ist zudem ein Weiterbildungsanlass für Ärzt:innen geplant. Darüber hinaus strebt die SRO AG an, 2026 das H+-Modell umzusetzen, in dem Selbsthilfefreundlichkeit offiziell als Qualitätsverbesserungsmassnahme im Handlungsfeld Patientenzentriertheit anerkannt ist.

Für die Region ist es von grossem Wert, mit der Psychiatrie des Spitals Emmental sowie der SRO verlässliche Partner zu haben. Über das Fachpersonal werden Patient:innen und deren Angehörige gezielt auf Selbsthilfeangebote aufmerksam gemacht. Der Austausch auf Augenhöhe zwischen Gleichbetroffenen ergänzt die medizinische und therapeutische Behandlung, stärkt die Selbstwirksamkeit der Betroffenen und trägt langfristig zur Entlastung der Fachpersonen und des Gesundheitswesens bei.

Gabriela Kühni
Beraterin im Beratungszentrum Burgdorf